Conference paper
Schädler-Saub, Ursula:
Wiederherstellen in schweren Zeiten: Restaurierungen der mittelalterlichen Stuckaturen von der Mitte des 19. Jahrhunderts bis zum Abschluss des Wiederaufbaus 1960
Die Restaurierungsgeschichte des Kirchenraums von St. Michael ab der Mitte des 19. Jahrhunderts bis zum Abschluss des Wiederaufbaus 1960 ist für die mittelalterlichen Stuckfragmente ebenso relevant wie für die in situ erhaltenen Stuckdekorationen, da die überlieferten Fassungsreste weitgehend auf damalige Restaurierungen zurückgehen. Bis zum 2. Weltkrieg war die nachschöpferische Neufassung des Kunstmalers und Restaurators Georg Bergmann aus den Jahren 1855-57 mit ihrer teils reichen malerischen Ausarbeitung an den Seligpreisungen und Stuckfriesen sowie an der Südseite der nördlichen Chorschranke prägend. Im Zuge der Restaurierung von 1909-10 wurde diese Fassung lediglich aufgefrischt und in ihrer Buntfarbigkeit reduziert. Beim Wiederaufbau nach dem 2. Weltkrieg war die Aufmerksamkeit der Verantwortlichen primär auf die bestmögliche Wiederherstellung der Architektur und auf die Restaurierung des monumentalen Deckenbildes ausgerichtet. Der Rankenfries über den Seligpreisungen wurde früh aufgegeben. Bei den stark beschädigten Seligpreisungen gingen in den Folgejahren viele bereits geborgene Fragmente verloren. Grobe Ergänzungen des Bildhauers Wilhelm Gienke an den Seligpreisungen und eine vom Zeitgeschmack geprägte Neufassung aller für den Kirchenraum relevanter Stuckdekorationen durch den Restaurator Joseph Bohland wurden erst 1961 abgeschlossen, nach der Wiedereinweihung der Kirche. Sie führten zu einer ästhetischen Beeinträchtigung des figürlichen und ornamentalen Stucks.
Prof. Dr. Dipl.-Rest. Ursula Schädler-Saub ist Restauratorin, Kunsthistorikerin und Denkmalpflegerin. Bis September 2021 war sie an der HAWK Professorin für das Fachgebiet „Geschichte und Theorie der Restaurierung, Kunstgeschichte“. Forschungsschwerpunkte: Geschichte, Theorie und Ethik der Restaurierung, mit einem Schwerpunkt auf Wandmalerei. Sie ist der HAWK weiterhin als Senior Researcher durch Forschungsprojekte verbunden.